Wildwasser erhalten Tirol

Ein Kommentar zum September Newsletter des CVJM von Andreas Krämer

Im Newsletter September hat uns Anne eine Erfolgsgeschichte erzählt: Die von der Echaz, einem Bach, der ökologisch tot war, in meiner Kindheit in den Farben leuchtete, „in denen der Engel gerade gefärbt hatte“. Der sich auf dem Weg zurück in einen naturnahen Zustand befindet. SUPER ! 

Einen Tag nachdem dieser Newsletter bei Euch ankam, haben 10 Kamerad:innen der Kanugruppe in Sölden gegen die endgültige Zerstörung des letzten großen Gletscherflusses Österreichs mit protestiert

Vorab: Ein Kajakfahrer, der in den letzten 40 Jahren erlebt hat, wie Dutzende Flüsse an die Wasserkraft „verloren“ gingen, kann nicht den Anspruch erheben, 100% objektiv zu sein. Und: Die Wasserkraft ist grundsätzlich sicher eine „relativ“ umweltfreundliche Form der Energiegewinnung, vergleicht man sie mit der Verbrennung von Kohle, Öl oder Gas oder dem Betrieb von Atomkraftwerken auf dem aktuellen Stand der Technik und ohne gelöste Entsorgung / Endlagerung.

© WWF Österreich, 2022

Aber ausgerechnet die Ötztaler Ache und dann auch noch so brutal:

Das Konzept der Tiroler Wasser AG sieht vor, den beiden Quellflüsse der Ötz, der Venter Ache und der Gurgler Ache, den Großteil ihres Wasser zu entziehen. Dieses Wasser (in der Endausbaustufe ca. 80 m³ / sek.) wird ins Kaunertal geleitet. Dort werden diverse neue Stauanlagen gebaut. Unter anderem wird das Platzertal (ca. 6 ha seltenes Hochgebirgsmoor) geflutet. Das Wasser fließt dann bei Prutz in den Inn. 

Weitere kleinere Nebenbäche der Ötz (in Summe 11 m³/sek. ) werden ins Kaunertal oder ins Sellraintal nach Kühtai umgeleitet. Aus den drei mächtigen Flüssen Ötztaler, Gurgler und Venter Ache werden bedeutungslose Wasserrinnen. Die Ötz verliert über 40% ihres Einzugsgebietes und nach Berechnungen des WWF im Jahresmittel bis zu 80% ihres Wassers. 

Und weil der Inn dann ja ab Prutz deutlich mehr Wasser führt, gibt es auch noch eine Planung für Kraftwerksbauten bei Imst und Heiming. Bye-bye Imster Schlucht! 

Quelle: http://stubaiwasser.at inkl. diverser Unterseiten. https://www.fluessevollerleben.at/kaunertal/erklaerung/
https://www.fluessevollerleben.at/wp-content/uploads/2022/03/wwf_factsheet_kraftwerk_kaunertal.pdf 

Damit die Dimensionen klar werden: 90 m³/sek. bedeutet, dass 90.000 Liter Wasser jede Sekunde in Tunnel und Röhren verschwinden. In der Stunde sind das 325 Millionen Liter Wasser. 

© WWF Österreich, 2022

Wie ich eingangs schrieb: Die Ötz ist der letzte „fast“ unverbaute Großfluss der Ostalpen. Sie war bis vor zwei Jahren, als ohne abschließende Baugenehmigung während Corona das Kraftwerksprojekt an den Achstürzen realisiert wurde, der letzte wirklich komplett unverbaute große Gletscherfluss. Dieses Kraftwerk schmerz, es ist aber zu verschmerzen: Das Wasser wird „nur“ auf ca. 5 km dem Fluss in einem Steilstück entzogen. Durch die Turbinen fließt weniger als ¼ des Wassers, das den Quellflüssen im Oberlauf entzogen werden soll. Die Temperatur des Wassers und die natürliche Wasserführung entlang des Flusses verändert sich wenig. Es geht um 5 km in einem Ökosystem mit einer Gesamtlänge (Ötz, Venter und Gurgler Ache) von rund 80 km. Jetzt geht es leider um den kompletten Rest. 

Die Folgen der von mir grob, auf den Webseiten in der Quellenangabe detailliert beschriebenen Kraftwerk- und Tunnelbauten wären gravierend. Dass man uns Paddlern unser Spielzeug wegnimmt, ist eher Privatsache wobei am Tourismus mit Raften, Canyoning, Kajakschule, den dazu gehörenden Übernachtungen und dem Konsum im Tal Unternehmen und Arbeitsplätze hängen. Die ökologischen Eingriffe in das Tal der genannten Flüsse wäre furchtbar. Die dort lebende, an die aktuellen Lebensbedingungen angepasste, Flora und Fauna würde zu Grunde gehen. Was mit Flüssen passiert, denen man einen Großteil ihres Wassers wegnimmt, lässt sich wenige Kilometer entfernt im Unterengadin im Bereich des Inn-Kraftwerkes Pradella beobachten. Das Flussbett füllt sich mit aus kleineren Nebenbächen und Murenabgängen eingetragenem Sediment sowohl vor als auch hinter dem Stauwerk. Dadurch steigt der Grund des Flussbettes über die Jahre Meter um Meter, denn das Restwasser hat nicht ausreichend Energie, den Schutt abzutransportieren. Was passiert, wenn dann einmal ein „richtiges Hochwasser“ kommt, kann man sich lebhaft vorstellen. Leider hat Kraftwerksbau nichts mit Hochwasserschutz zu tun. Vor dem Hintergrund des Klimawandels ist zu erwarten, dass es auch in den Alpentälern wärmer und trockener wird. Genau wie die Bauern jenseits des Brenners bereits heute werden die Landwirte in den Nordalpen in den kommenden Jahren dazu übergehen, die für die Heuernte (= das Winterfutter) essentiellen Talwiesen zu bewässern. Nur mit was, wenn die „Garantieabgabe“ an einen heute bis zu 260 m³/sek. führenden Fluss nur noch 2 m³/sek. beträgt? 

Die ökologischen Folgen von Bauarbeiten im Hochgebirge (in Summe über 50 km Tunnel, diverse Staumauern mit einer Höhe von bis zu 120 m, Schwallausgleichsbecken, …) sind für mich unvorstellbar. Vom Lärm und dem Bild, das sie abgeben und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Tierwelt und den Tourismus habe ich eine lebhafte Vorstellung. 

Als Fazit ist festzuhalten: Der geplante Bau der Wasserkraftprojekte Kaunertal und Kühtai/Sellraintal hätte gravierende Folge für das hochempfindliche Ökosystem in den Hochalpen, viele Hektar Fläche würden in Stauseen versinken, andere Bereiche wie das Ötztal austrocknen. Der Tourismus, der derzeit wichtigste wirtschaftliche Faktor würde massiv beeinträchtigt. Im Fall der Ötz ist die Nutzung von Wasserkraft ganz sicher weder menschen- noch umweltfreundlich. Solar- und Windenergie sind ganz sicher weniger umweltzerstörerisch als dieses Großprojekt in einem hochsensiblen, hochalpinen Ökosystem. 

Was können wir gegen das Projekt tun: Den wichtigsten Beitrag, den jede(r) einzelne leisten kann, heißt Energie sparen. LED-Leuchten, weniger heizen, Türen im Winter zu machen, Gebäude energetisch aufwerten, PV- oder Brauchwassererwärmung installieren und nutzen … .
Wer sich aktiv gegen dieses Projekt wenden will, kann die Petition gegen den Kraftwerksbau unterschreiben unter: https://stubaiwasser.at/petition-stopp-ausbau-kraftwerk-kaunertal/.

Das geht online und dauert nur 5 Minuten. 

Bitte unterstützt die Petition, verbreitet die Information weiter, damit auch in 20 Jahren noch Menschen erleben können, wie ein relativ natürlicher Fluss aussieht, wie der Wasserstand abhängig von Niederschlägen im Winter und im Sommer, der Tageszeit, dem Wetter usw. schwankt und: Was für ein toller Lebensraum für alle möglichen Arten inklusive Kanuten so ein Gebirgsbach eigentlich ist. 

Herzlichen Dank für die Unterstützung und beste Grüße

Euer Andreas