Schweigen

Wir haben alle in den vergangenen Wochen und Monaten auf vieles verzichtet. Manches war verzichtbar. Wir wussten es schon lange, aber es war ungewohnt, sich darauf einstellen zu müssen, dass es tatsächlich ohne die Shoppingtour, ohne die Flugreise, ohne die Besprechung mit den Kollegen am Abend geht. 

Anderes wäre unverzichtbar gewesen und bleibt auch unverzichtbar. Wir müssen es daher mühsam nachholen und dafür Sorge tragen, dass es uns nicht langfristig abhandenkommt: Der Besuch bei den Großeltern, der Kontakt mit den engsten Freunden, die Einkäufe für das Essen, die Einnahmen für die Wohnung um uns. 

Vieles hat sich verschoben. Vieles ist klarer geworden. Einiges aufgewühlter. Ich mache das fest an der Stille und am Schweigen, das mir in diesen Wochen begegnet ist. Es hat seinen Charakter verändert wurde facettenreicher, klarer und bedeutungsvoller. 

Da waren die Tage, an denen wir aufwachten und keinen Straßenverkehr hörten. Der Berufsverkehr war ausgeblieben. „Eine gespenstische Stille“ hörte ich manche sagen. Und zugleich hören wir die Vögel wieder deutlicher, das Rauschen der Blätter im Wind. Die Stimmen ganzer schweigender Bevölkerungsgruppen drangen an unsere Ohren. Mitarbeiter in Schlachtbetrieben und im Versandhandel wurden mit ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen erst wieder neu von uns wahrgenommen. Fast hätten wir ja schon vergessen gehabt, dass da Menschen hinter all der Arbeit, die uns zu Gute kommt, stehen.  

Die Veränderungen haben Dinge aufgetan, die zuvor im Verborgenen lagen, und andere Dinge in den Hintergrund drängten, die vorher laut und schrill in unserer Mitte standen. Die Lautstärkenregelung unseres Lebens hat sich gewissermaßen verändert. Der Stille und dem Schweigen merken wir das unmittelbar an. Die letzten Wochen und Monate waren daher ein Anfang, neu hinzuhören, neu aufzuhorchen, was wichtig ist, was unverzichtbar und was seine Zeit gehabt hat, weil wir es wirklich nicht brauchen. 

Wenn jetzt die Ferien kommen wird es wieder so sein. Vieles wird nicht gehen, auf vieles werden wir verzichten. Das ist zunächst mal ein Mangel. Uns wird etwas fehlen. Über dem Mangel aber, dem Schweigen dessen, was uns vorher als selbstverständlich erschien, dem ausgefallenen Sommerzeltlager, der abgesagten Reise, dem fehlenden Gehalt, beginnt neu eine Suche nach dem, was uns wichtig ist. Wir horchen auf und nehmen war. Mal erfolgreich, Mal ohne Erfolg, immer aber mit wachen und immer feineren Sinnen. 

In Psalm 65 heißt es: „Man lobt Gott in der Stille.“ So kann die Suche über dem Schweigen, das Hineinhören in den Mangel und alle Veränderungen jetzt bedeuten, dass wir Gott einen Raum darin zugestehen. Dass wir uns einlassen auf Ihn und sein Wort mitten in den Unsicherheiten, die uns umgeben. 

Vielleicht gelingt es uns, mitten in den Veränderungen, mitten in der Zeit ohne feste Freizeitangebote immer wieder inne zu halten, zu schweigen, zu hören, stille zu sein und nach Gottes Gegenwart zu suchen. Das wäre gut. 

Michael Dullstein

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