Stammtisch 2.0

Die Metaebene des Vereinsleben in besonderen Zeiten

Abgesagt, alles! Nicht nur sämtliche Vereins-Osteraktivitäten, nein auch der regelmäßige Stammtisch der Kanuten sollte auf unbestimmte Zeit ausgesetzt werden. Was für Aussichten. Aber die Not macht erfinderisch! Mein Lieblings-Podcast zu netzpolitischen Angelegenheiten hatte den Tipp parat, auch für eine größere Anzahl von Teilnehmern doch einfach mal eine Video-Konferenz auszuprobieren. Wer bereits Erfahrung mit Linux-Servern habe, so die Empfehlung, solle gleich eine eigene Instanz der quelloffenen und sicheren Video-Konferenzsoftware Jitsi Meet aufsetzen anstatt die momentan oft überlasteten öffentlichen Server zu benutzen. Gesagt, getan. In kleinerer Runde fand zunächst ein Erfolg versprechender Test statt. Auch familienintern wurde der neue Modus eines Kaffeekränzchens gerne angenommen, bietet er doch durchaus auch gewisse Vorzüge. Für den Donnerstagabend lud ich dann die Kanuten zum ersten virtuellen Stammtisch ein, gespannt wie viele teilnehmen und wie gut das alles funktionieren würde. Ich war überrascht, dass es tatsächlich funktionierte und freute mich über großes Interesse. Die Woche drauf, am Gründonnerstag, hat Christine Krämer sich noch was ganz besonderes einfallen lassen: Alle Stammtisch 2.0 Besucher waren eingeladen, an einer Weinverkostung teilzunehmen, die Christine dann live kommentiert und mit Anekdoten ausgeschmückt hat. So waren Krämers etwa bei der Lese des herrlichen Trollingers selbst beteiligt und Christine hat einen Teil des Weins für alle Reutlinger persönlich vor Ostern ausgeliefert. Was für ein Service! Herzlichen Dank Christine nochmals an dieser Stelle für das riesige Engagement! Eigentlich hätten wir uns nämlich im selben Augenblick alle im Kleinwalsertal im Berghaus des CVJM Dettingen e.V. gegenüber gesessen, aber ihr wisst schon: Es kam anders. Joe hat sogar noch ein Lagerfeuer beigesteuert, aus seinem Garten live gestreamt in die Wohnzimmer der anderen. Zu Spitzenzeiten habe ich bis zu dreißig Teilnehmer gezählt in etwa zwanzig verschiedenen Video-Fenstern. Beeindruckend!

Begibt man sich einmal auf die Metaebene eines Video-Stammtischs so werden doch eine ganze Reihe von interessanten Aspekten sichtbar:

  • Zunächst fällt auf, dass plötzlich ganz seltene Gesichter am Stammtisch auftauchen, die sonst nie zu sehen sind, aufgrund der räumlichen Entfernung zum Beispiel. In Zeiten des Abstandhaltens bekommt man ausgerechnet Kontakt zu denen, die man ohne diese Situation wahrscheinlich gar nie sehen würde.
  • Spannend fand ich auch, was sonst am Stammtisch natürlich unmöglich ist: Bei den anderen ins Wohnzimmer schauen. Stichwort „Rembrandt“, was haben wir uns amüsiert!
  • Bei so vielen Teilnehmern wird einer Tugend besondere Bedeutung zuteil: Das Zuhören. Selten unterhält man sich in so großer Runde am Stammtisch, eher laufen mehrere Gerpräche in kleinen Gruppen. Es erfordert Disziplin und und auch einer gewissen Moderation damit eine Verständigung in großer Runde überhaupt möglich ist.
  • Leider gab es auch Teilnehmer, mit denen die Verständigung schwierig war aufgrund hoher Latenzen in der Ton- und Bildübertragung. Manchem wird möglicherweise in diesen Zeiten die Bedeutung einer gut funktionierenden Internet-Infrastruktur gewahr. Das fängt bei der maximalen Übertragungsrate des eigenen Internetanschlusses an, endet dort aber noch lange nicht. Die Ausstattung der eigenen Räume mit schnellem LAN oder WLAN scheint eine mindestens so große Bedeutung für die Ton- und Videoqualität zu haben.

Abschließend kann ich sagen, es überrascht, wie viele Aspekte die neue Situation mit sich bringt und wie schnell man sich doch arrangieren kann. Das fällt dem einen leichter als dem anderen, und es gibt auch welche, die nicht Schritt halten können und nun vorübergehend abgehängt sind. Hoffen wir auf eine baldige Rückkehr zu Stammtisch 1.0 mit all seinen Vorzügen wie verrauchten Klamotten und Matsch an den Schuhen. Bis auf Weiteres bleiben wir bei Stammtisch 2.0, eine gesonderte Einladung ist glaube ich nicht mehr nötig. Hier nochmals der Link für alle Interessierten:

https://jitsi.schirms.de/Stammtisch

Uli Schirm

2 Kommentare

  1. Virtuelle Gemeinschaft!
    Also ich freu mich schon total auf den jitsi-Stammtisch heute Abend. Anregung: Wie wärs denn, wenn sich die Jugendgruppe auch in dem Format trifft? Kann ja auch via Skype, Zoom, … sein.

    Liebe Grüße an alle hoffentlich möglichst bald – idealer Weise analog und nicht digital

    Euer Andreas

  2. Also von Zoom würde ich explizit abraten. Scheint ein ziemlicher Datenschutz-Alptraum zu sein. Mittlerweile kursieren hunderttausende Zoom-Accounts im Darknet.
    Aber man kann ja ganz einfach unseren Jitsi-Server benutzen für weitere gleichzeitige Konferenzen. Dann anstatt jitsi.schirms.de/Stammtisch einfach jitsi.schirms.de/Jugendgruppe eingeben zum Beispiel. Wer auch mal ein Gespräch in kleiner Runde führen möchte, wie das am „echten“ Stammtisch ja auch immer gemacht wird, der denkt sich einfach einen neuen Konferenznamen aus und führt dann parallel ein weiteres Gespräch im „Nebenraum“. Sehr leicht kann man sich über die Tastatur-Chat-Funktion von Jitsi dort verabreden.

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